Hintergrund  
     
 

Das Schweigen der Vielen

20'000 Personen leben hierzulande mit der Diagnose HIV-positiv. Wir wollen besser wissen, wie es ihnen geht, was sie bewegt und wie sie mit HIV umgehen.

Das Schweigen der Vielen – ein Zeichen der Zufriedenheit?

Was HIV-Positive, zumindest diejenigen, bei denen die Immunschwächekrankheit nicht ausgebrochen ist, von HIV-Negativen unterscheidet, ist oft kaum mehr als ein serologischer Befund, abstrakt und für das blosse Auge unsichtbar. Dennoch – was jeden HIV-positiven Menschen schlagartig von einem HIV-Negativen trennt, ist ein Lebensgefühl, das unumkehrbar mit dem Bekanntwerden des Testresultats von ihm Besitz ergreift und ihn fortan nicht mehr verlassen wird.

Während ein Mensch mit HIV für die Medizin inzwischen zu einem chronisch kranken Patienten unter anderen geworden ist, gilt er bei den Versicherungen als „schlechtes Risiko“ und somit als nicht vertragsfähig, bei gewissen Arbeitgebern als „untragbar“ für die Mitarbeitenden oder gar eine „Zumutung“, bei Geschlechtspartnern als „Ansteckungsrisiko“, bei den Halb- und Nichtinformierten als „Gesundheitsrisiko“, für gewisse Regierungen als „Bedrohung der öffentlichen Gesundheit“, als Persona non grata, die mit entsprechendem Einreiseverbot belegt wird.

Vielleicht sind die Diskriminierungen oder Ausgrenzungen im Kleinen aber weit belastender als jene im Grossen: Die übertriebene Rücksichtsnahme von Familie und Freunden, die unablässige Besorgtheit der Nächsten, falsche Bewunderung („wie du das nur schaffst“), oder deplaziertes Mitleid. Das Gefühl von abhanden gekommener Spontaneität kann sich einstellen, der vermeintliche oder reale Verlust von sexueller Attraktivität – und in der Folge sexueller Aktivität, unterstellte und eingebildete Zweifel an der Belastbarkeit im Arbeitsumfeld. Die Optionen für die berufliche und private Zukunft scheinen zu schwinden. Dazu kommen die Unwägbarkeiten, welche die medizinische Behandlung mit sich bringt: Wie lange werden die Medikamente (noch) wirken, werden sie mich zeichnen, wie wird meine Umwelt auf die sichtbaren Nebenwirkungen reagieren, wie werde ich mit den unsichtbaren klarkommen?

Wie kommen Menschen mit HIV auf Dauer mit dieser Vielzahl von Herausforderungen zurecht?
Die meisten weihen einen kleinen Kreis von Nahestehenden ein. Einzelnen fällt es dennoch schwer, den Partner oder die Partnerin ins Vertrauen zu ziehen. Die Angst vor möglichen Reaktionen vereinzelt sie und lässt sie mit ihrer Infektion allein. Keine Frage: Ein solches Doppelleben ist auf Dauer unerträglich.

Mit dem Open Space soll dieses Schweigen in einem angenehmen und absolut vertraulichen Umfeld gebrochen werden. Wie? Indem die Teilnehmenden sich intensiv miteinander über ihre Erfahrungen austauschen und ihre konkreten Anliegen, Wünsche und Bedürfnisse äussern.

Zudem werden Funktionsträger von Organisationen, die Dienstleistungen für Menschen mit HIV/Aids anbieten, anwesend sein. Was können und sollen sie in der Zukunft tun? Ihre Arbeit hängt wesentlich von den Ergebnissen des Openspace ab.